Ayelet Gundar-Goshen: “Löwen wecken”
Der israelische Arzt Etan überfährt eines Nachts in der Wüste einen eritreischen Flüchtling – und begeht Fahrerflucht. Am nächsten Tag taucht Sirkit auf, die Frau des Toten, und verlangt von ihm, in der Nacht illegale Einwanderer zu verarzten. Etan hat keine Wahl. Gegenüber seiner Frau, einer Kriminalbeamtin, baut er ein Lügengebäude auf, um seine nächtlichen Abwesenheiten zu entschuldigen. Zwischen Sirkit und Etan wächst eine spannungsgeladene Beziehung mit den Ingredienzen sexuelle Anziehung, Liebe, Macht und Hass, bis sich alles in einer Nacht der Gewalt entlädt.
Gundar-Goshen hat einen packenden Roman geschrieben, der das schwierige Nebeneinander der verschiedenen Bevölkerungsgruppen im heutigen Israel ausleuchtet. Sie versteht es, die zwischenmenschlichen Beziehungen, Gedanken und Abgründe ihrer Personen aufzuschlüsseln und die Lesenden in einen Strudel der Gefühle hineinzuziehen. Ein überzeugendes, manchmal bedrückendes Buch.

Zsuzsa Bank: “Die hellen Tage”
Eine magische Kindheit scheint auf in diesem Buch, angesiedelt in den Sechzigerjahren des 20. Jahrhunderts, aber eigentlich zeitlos. Im Zentrum stehen Evi und ihre Tochter Aja, die in einem Schreberhäuschen am Rand der Siedlung leben. Im Sommer, wenn die Tage hell und lang sind, stösst der Artist Zigi zu seiner Familie. Das Mädchen Seri und der Knabe Karl, gleichaltrige Freunde, erleben wunderbare, wilde und fantasievolle Sommertage im Garten der von ihnen bewunderten Aja. Die drei Kinder leben in einem Dreieck, das erst viele Jahre später in Rom zerbricht. Auch die Mütter der drei, vom Leben versehrt, finden sich in wechselnden Freundschaften. Evi, die ein Geheimnis mit sich trägt, steht im Zentrum der Gemeinschaft in den hellen Sommertagen. Jedes Mal, wenn die Tage kürzer werden, verlässt Zigi von neuem Frau und Kind, die im kleinen Haus einen prekären Winter erleben. Eines Tages bricht die Zeit ein, die Kinder sind erwachsen und Evis Geheimnis entwickelt eine zerstörerische Kraft.
Zsuzsa Banks Roman entfaltet Sogwirkung, Stoff und Figuren haben etwas Märchenhaft-Mythisches. Gewisse Wiederholungen und die Anlage des Romans in konzentrischen Kreisen schränken die Lesefreude kaum ein.

Zeruya Shalev: „Für den Rest des Lebens“
Drei Personen stehen im Zentrum dieses neuen Romans der israelischen Autorin („Liebesleben“, „Mann und Frau“, „Späte Familie“): Mutter Chemda, Tochter Dina und Sohn Avner. Die alte, kranke Mutter lebt gedanklich wieder im Kibbuz ihrer Kindheit, in dem sie nie glücklich war. Tochter Dina, im mittleren Alter, von der Mutter nur wenig geliebt, liebt ihre eigene Tochter abgöttisch – bis diese sich in der Pubertät von ihr zurückzuziehen beginnt. Abhilfe kann nur ein neues Kind schaffen, und Dina entschliesst sich zur Adoption. Dass darüber ihre Ehe zu zerbrechen droht, nimmt sie in Kauf. Die Ehe von Avner, Anwalt der Beduinen, war von Anfang an ein Fehler. Aber er hat erst den Mut, neu zu beginnen, als er ein Paar beobachtet, das sich in tiefer Liebe verbunden ist. Die Wenden im Leben von Tochter und Sohn geschehen, während die Mutter dahindämmert und die beiden sich an ihrem Sterbebett abwechseln.
Der Roman von Shalev beeindruckt. Mächtig fliesst der Gedankenstrom der drei Hauptpersonen dahin, sprachlich dicht, packend, prallvoll mit Leben. Eine intensive Lektüre, sehr empfehlenswert.

Steinunn Sigurdardottir: „Der gute Liebhaber“
Karl Astuson heisst der gute Liebhaber. Er reist über den halben Erdball um seiner angebeteten Una, die ihn vor langer Zeit sitzen liess, in einer eisigen Winternacht eine Rose vors Haus zu legen. In all den Jahren hat er unzählige Frauen mit seinen Liebeskünsten beglückt – hatte dabei aber immer nur die Eine im Sinn. Die amerikanische Psychiaterin Doreen Ash, eine der Liebhaberinnen, durchschaut ihn und seine Mutterfixierung – und verfällt ihm zugleich. Dank ihrem Rat wagt er den Versuch, seine Una zurückzugewinnen. Aber ist es denn Una, die er liebt? Oder doch nur seine verstorbene Mutter, „Astamama“, die er abgöttisch verehrte? Obwohl seine Handlungen teilweise exzentrisch anmuten, ist Karl mit seiner skurrilen Art eine liebenswerte Figur. Tragisch ist das Schicksal von Doreen. Eher farblos – eine reine Projektion? – bleibt die für Karl einzigartige Una, die sich wieder auf ihn einlässt und mit dem Töchterchen Asta alle seine Wünsche erfüllt.
Ein fein gesponnenes Buch, kunstvoll gewoben, mit lyrischem Unterton – eine Lektüre für Liebhaber/innen feinsinniger Literatur.